Generationentreff
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Die Sonne strahlt über den Saarbrücker Saarterrassen. Bestes Kirmeswetter zum Start der Maikirmes. Es duftet schon nach Popcorn, die Lichter des Fahrgeschäfts „Break Dance“ blinken bunt. Noch sind keine Gäste da an diesem Freitagmittag, der Kirmesbetrieb wird erst später am Nachmittag eröffnet. Dafür wird noch eilig hier und da aufgebaut, letzte Handgriffe an Pavillons und Ständen vorgenommen.
Auch Christine Beutler-Lotz ist im Treiben. Die evangelische Pfarrerin richtet sich vor einem Fahrgeschäft einen kleinen Altarbereich ein. Der „Break Dance“ ist neu, erst vor wenigen Tagen frisch lackiert. Zum Start der Maikirmes wird er offiziell in Dienst genommen und dabei darf Beutler-Lotz nicht fehlen, denn die Einweihung beginnt mit einer gottesdienstlichen Feier.
Eigentlich ist ein Kirmesplatz kein Ort, an dem man jemanden von der Kirche erwartet. Für Christine Beutler-Lotz sind Festplätze jedoch Alltag. Sie ist eine von zwölf Pfarrpersonen in der Schaustellerseelsorge, die von Volksfest zu Kirmes reisen und die Schaustellerfamilien mit Rat und Tat begleiten.
Im Kofferraum hat Beutler-Lotz dafür eine komplette geistliche Ausstattung: Kreuz, Altardecke, Blumenschmuck, ein faltbares Lesepult und natürlich eine Bibel, kurz: Alles, was man für einen „Gottesdienst to go“ auf dem Kirmesplatz braucht.
Helfende Hände haben bereits Bierbänke als Sitzgelegenheiten um den improvisierten, aber liebevoll gestalteten Altar vor dem „Break Dance“ aufgestellt. Jemand schaltet eine Musikanlage an. Die Liedauswahl lässt aufmerken. Kein Partytitel, sondern „I will follow him“ aus dem Film „Sister Act“, zur Einstimmung.
Glaube hat hier, in der Schaustellergemeinde, noch einmal einen ganz besonderen Stellenwert. Das Leben der Schausteller sei voller Unwägbarkeiten, auch finanzieller Art, sagt Beutler-Lotz. Nicht zuletzt weil „die Menschen ja mit ihrem ganzen Besitz auf der Straße sind“. Unfälle könnten schnell existenzbedrohend werden.
Der Gottesdienst wird daher nicht als traditionelles Relikt gesehen. Vielmehr sei Gottes Segen „ganz wichtig“ für das neue Geschäft, betont Patricia Massel von der Betreiberfamilie des neuen „Break Dance“. Dies sei ihr viertes Fahrgeschäft und alle Anlagen wurden mit Gottes Segen in Dienst genommen. „Das hat uns Glück gebracht“, ist sie überzeugt. Bisher seien sie immer unfallfrei unterwegs gewesen.
Die Reihen füllen sich. 80 Personen jeden Alters sind gekommen. Einfühlsam geht Pfarrerin Beutler-Lotz in ihrer Ansprache auf die besonderen Gegebenheiten ihrer Schaustellergemeinde ein. Das Herzstück eines „Break Dance“ sei der Mittelbau, alle Drehmomente kämen aus der Mitte, erzählt sie. Manchmal drehe sich das Leben so schnell, dass man gar nichts mehr sieht. „Da ist es wichtig, Gott zu haben, die Mitte in unserem Leben, die euch zusammenhält“, betont sie. „Da ist was dran“, wirft jemand deutlich hörbar ein.
Berührungsängste gibt es keine, man kennt sich. Auch Beutler-Lotz, die eigentlich in Hessen beheimatet ist, hat in Saarbrücken schon Bekannte getroffen. Die Schaustellerseelsorge – für sie seit vier Jahrzehnten ihre Berufung. Selbst aus einer Schaustellerfamilie stammend, zog es sie nach dem Studium zurück auf die Festplätze, diesmal jedoch als Seelsorgerin.
„Mitten in ihrem Alltag“ der fahrenden Community sei ihr Arbeitsschwerpunkt, erzählt sie. Gottesdienste im Autoscooter oder zu Geschäftseinweihungen, Taufen und Trauungen in Schaustellerfamilien machen nur einen Teil ihres Arbeitsumfangs aus. Vor allem ist sie für die Menschen da. Zu ihr können alle kommen, mit kleinen und großen Sorgen, und dabei sicher sein: Es erfährt niemand. In einem Mikrokosmos, in dem praktisch jeder von allen etwas weiß und die Wände eines Wohnwagens dünn sind, ist sie eine verlässliche Person des Vertrauens. Sie gehört dazu. Als zum Abschluss des Gottesdienstes Luftballons aufsteigen, steht sie mitten in ihrer Gemeinde, reißt mit die Arme gen Himmel.
Die Maikirmes in Saarbrücken findet noch bis zum 10. Mai auf den Saarterrassen statt. Christine Beutler-Lotz ist bis dahin längst weitergezogen – im Auftrag des Herrn, zum nächsten Festplatz.